Über 140 Ministrantinnen und Ministranten im Zürcher Hauptbahnhof
Manche Momente sind kaum in Worte zu fassen. Sie beginnen ganz unscheinbar. Mit frühen Zugfahrten, aufgeregten Gesprächen, weissen Alben und dem Wiedersehen von Menschen aus verschiedenen Pfarreien. Niemand ahnt, was wenige Stunden später geschehen wird.
Und dann mit dem Einzug eröffnet sich die Halle des Zürcher Hauptbahnhofs.
Viele Menschen! Familien, Kinder, Jugendliche, ältere Menschen, Ordensleute, Schweizer Gardisten. Und ganz vorne, den Gottesdienst einläutend, über 140 Ministrantinnen und Ministranten aus 23 Pfarreien. Vielleicht der längste Ministranten Einzug der Schweiz. https://www.youtube.com/watch?v=gl7M3FD6J3A
Als der Gottesdienst beginnt und die Ministrantinnen und Ministranten in die Bahnhofshalle einziehen, entsteht ein Bild, das viele nicht vergessen werden. Die Reihe scheint kein Ende zu nehmen. Die Menschen am Rand machen grosse Augen, lächeln, staunen und zücken ihre Handys. Und auf dem Gesicht von Bischof Joseph Bonnemain breitet sich ein Strahlen aus, das mehr sagt als viele Worte. In diesem Moment wurde sichtbar, was Kirche sein kann.
Viele sprechen heute von einer Kirche in der Krise. Wer an diesem Tag dabei war, hat aber noch etwas anderes gesehen: eine Kirche voller Leben. Junge Menschen, die lachen. Gruppen, die sich gegenseitig unterstützen. Freiwillige, die mit Herzblut mithelfen. Menschen unterschiedlichster Herkunft, die gemeinsam feiern.
In seiner Predigt sprach Bischof Joseph Bonnemain von seinem Wunsch nach einer Kirche, in der sich Menschen willkommen fühlen! Nicht von einer Kirche, die zuerst durch Organisation und Strukturen überzeugt. Dieser Gedanke schien an diesem Tag lebendig zu werden.
Denn die ersten christlichen Gemeinden waren nicht deshalb anziehend, weil sie perfekt organisiert waren. Menschen fanden ihren Platz, weil sie sich gesehen, gerufen und angenommen fühlten. Sie durften erleben: Hier bin ich willkommen. Hier kennt man meinen Namen. Hier darf ich mit meinen Gaben da sein.
Ministrantinnen und Ministranten weit mehr als Helferinnen und Helfer im Gottesdienst. Sie sind Freundinnen und Freunde, Weggefährten, Brückenbauerinnen und Brückenbauer zwischen Generationen. Sie lernen, Verantwortung zu tragen, Gemeinschaft zu leben und ihren eigenen Platz in der Kirche zu finden.
Der Bistumstag machte dies auf eindrückliche Weise sichtbar. Wo sonst täglich Menschen hastig zu ihren Zügen eilen, wurde gebetet, gesungen und gefeiert. Mitten im Lärm des Alltags entstand ein Ort der Begegnung. Für einige Stunden verwandelte sich der Hauptbahnhof in einen Raum der Hoffnung.
Vielleicht zeigt sich der Heilige Geist gerade dort: Wo Menschen einander Raum geben. Wo Gemeinschaft nicht aus Pflichten entsteht, sondern aus Beziehung. Wo Kirche nicht zuerst fragt, was jemand leisten kann, sondern wo ein Mensch erfährt: Schön, dass Du da bist. Nicht weil wir gebraucht werden. Nicht weil wir Ministranten etwas leisten müssen. Sondern weil Gott jeden Menschen ruft und ihm einen Platz schenkt.
Eine solche Willkommenskultur ist keine neue Idee. Sie gehört zum Herzschlag des Evangeliums und zu den Wurzeln der Kirche selbst.
Viele Ministrantinnen und Ministranten werden sich später vielleicht nicht mehr an jedes Wort der Predigt vom Bischof erinnern. Aber sie werden sich erinnern, wie sie sich gefühlt haben. Wie sie gemeinsam durch die Bahnhofshalle gezogen sind. Wie Menschen Freude an ihnen ausstrahlten. Wie sie Teil einer grossen Gemeinschaft waren.